Gerettete Rennpferde und gerettete Seelen...

Fast täglich begegnet mir im Internet der Satz "mein Seelenpferd xyz habe ich von der Rennbahn gerettet"... und immer wieder finde ich mich - wenn ich die Zeit habe - in Diskussionen zu geretteten Rennpferden wieder. Heute schreibe ich - inspiriert durch einen solchen Beitrag - eben mal einen Blogbeitrag dazu. Vielleicht setze ich dann zukünftig nur noch den Link unter entsprechende Posts ;-)


Vorab: Es ist mir wichtig zu betonen, dass ich zwar ein grosser Fan des Vollbluts und damit auch zwangsläufig des Rennsports als Daseinsberechtigung der Rasse bin, ABER durchaus auch im Rennsport kritikwürdiges sehe. Bei genauem Hinsehen finde ich in in jeder Sparte des Reitsports und auch unabhängig davon ob beruflich oder in der Freizeit mit Pferden gearbeitet oder getüddelt wird Dinge, die nicht oder nur bedingt pferdgerecht sind. Dazu schreibe ich vielleicht ein anderes Mal, sonst ufert das hier aus. Desweiteren ist eine regionale Betrachtung der ganzen Sache sinnvoll. In Ländern mit sehr viel "Produktion" für den Rennsport oder weniger ausgeprägter Ethik im Hinblick auf Tierrechte und das Pferd als Lebewesen werden die ehemaligen Athleten - zugegeben - häufiger ohne grosse Bedenken "entsorgt". Ich spreche hier also insbesondere für Länder wie Deutschland und die Schweiz, da ich mich in beiden relativ gut in der Pferde- und Rennsportwelt auskenne.


Tatsache ist (und das kann / will / werde ich nicht abstreiten), dass AUCH Rennpferde nach ihrer Karriere gelegentlich ein Ende in der Fleischverwertung finden. Genau so wie zahllose Tinker, die aus Irland importiert werden und denen dann bei Nichtverkauf der Schlachter droht, holländische Shetland-Ponies, die in grossen Gruppen zum Schlachter müssen, wenn sich niemand erbarmt, die kleinen als Rasenmäher einzusetzen oder Freiberger-Fohlen, die relativ pragmatisch nach dem Absetzen entweder verkauft oder zu Filet verarbeitet werden.

Dazu sei aus meiner Sicht zuerst folgendes gesagt: Persönlich esse ich zwar kein Pferdefleisch aber ich finde eigentlich nicht, dass es einen Unterschied macht, ob ein Schwein, ein Rind oder ein Pferd auf dem Teller landet. Einen Unterschied macht aber in meinen Augen sehr wohl, wie das Tier bis zu seiner Schlachtung leben durfte. Und da hat in der oben genannten Aufzählung der Freiberger-Absetzer wahrscheinlich die am wenigsten gruseligen Geschichten zu erzählen, der hatte nämlich im Idealfall einen Sommer auf der Alp und keine ewigen Transporte oder mehrere Lebensstationen hinter sich.


In der Mehrheit der Fälle dürfte ausserdem die Androhung des Schlachters schlicht ein probates Mittel sein, um Menschen zu emotionalen Impulsreaktionen zu bewegen. Wenn ich jetzt ganz fies bin, wird hier klischeemässig eine Klientel angesprochen, nämlich Frauen mittleren Alters mit zu wenig Sinn im Leben und zu viel Zeit und (leider dann oft letztlich doch nicht) zu viel Geld auf dem Konto. Was auch immer es also ist, Tinker, Shetty oder Fribi - es muss gerettet werden.


Die Fraktion der "Rennpferderetter" ist ein wenig anders gestrickt, dazu später mehr. Die vermeintlich zu rettenden Rennpferde wiederum kann man grob in drei Gruppen unterteilen:

  1. Diejenigen, die gesund ihre Karriere im Sport beenden (entweder weil bereits früh erkannt wird, dass ihnen der Spass am Rennpferdedasein fehlt oder weil sie nach einer halbwegs erfolgreichen Karriere nicht die Überflieger sind, die man in die Zucht nimmt). Hier gehen unterschiedliche Besitzer und Trainer bei der Suche nach einem neuen Zuhause mit unterschiedlich viel Engagement zur Sache. Es gibt sicher die Fälle "Hauptsache, der Esel ist vom Hof und kostet hier nicht mehr bzw. macht ne Box frei", persönlich kenne ich aber mehrheitlich diejenigen, die sich nach bestem Wissen und Gewissen bemühen, ein adäquates neues Heim für einen ehemaligen Leistungssportler und "geschätzen Arbeitskollegen" zu finden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass allein schon hier die potenziellen Kaufinteressenten ordentlich Zeit und Nerven kosten können.

  2. Pferde, die nach einer mehr oder weniger schweren Verletzung aus dem Sport genommen werden müssen und für die ein neues Zuhause gesucht wird. Hier gibt es zwei Untergruppen: die frisch verletzten und die bereits genesenen. Die frisch Verletzten haben zum Teil natürlich ungewisse Prognosen, sind aber dafür wahnsinnig günstig/geschenkt zu haben. Wenn es sich hier ein Besitzer oder ein Trainer so einfach machen würde, wie häufig behauptet wird, dann wären dies wohl die "logischsten Kandidaten" für die Wurst. Aber auch für diese Pferde werden oft Plätze gesucht, wo ihnen jemand die Zeit gibt, wieder gesund zu werden und am Leben zu bleiben. Die bereits Genesenen haben meist eine nicht eben kostengünstige tierärztliche Versorgung plus Rekonvaleszenz hinter sich, die bei rein wirtschaftlichem Denken auch wenig lohnt. Um diese Pferde nicht weiter Höchstbelastungen im Leistungssport auszusetzen, wird ein neues Zuhause gesucht.

  3. Wahrscheinlich am ehesten wirklich "zu retten" sind diejenigen, die - nachdem sie in Gruppe 1 oder 2 gehörten und vermittelt wurden - zu Wanderpokalen werden, durch mehrere Hände gehen und irgendwann völlig gaga im Kopf oder abgemagert auf irgendeiner Wiese geparkt werden. Ganz allgemein gesprochen gibt es nämlich - nicht nur unter den Vollblütern - Pferde, die stetige Orts- und Bezugspersonenwechsel besser wegstecken und welche, die das weniger tun. Es gibt Pferde, die sich relativ gut auf egal welche reiterlichen Fähigkeiten oder sonstigen Anforderungen an sie einstellen können und wollen und welche, die das nicht können oder wollen. Dem geneigten Leser wird sich hier ganz von selbst erschliessen, dass diejenigen, die mit vielen Wechseln nicht so gut klarkommen oder eben nicht zur Sorte "ist egal, was du von mir willst, ich mach es" gehören, mit jedem Wechsel schwieriger werden, Vertrauen verlieren und sich eben immer schwerer tun, sich auf uns Menschen einzulassen.


Die Rennpferde-Retter sind oft Menschen, die verhältnismässig sicher im Sattel sind (oder dies von sich denken), die sich die Tatsache zu nutze machen, dass ein Rennpferd nach seiner Karriere quasi als "ungelernte Kraft" billig zu haben ist (denn im Rennstall wird in der Regel wenig Wert auf eine klassische Reitpferdeausbildung gelegt) und die sich entweder wenig Gedanken dazu machen, dass sie dem Pferd zur langfristigen Gesunderhaltung eine solche Ausbildung zukommen lassen müssen oder sich hier oft deutlich überschätzen und keine Vorstellung davon hatten, wie so ein ehemaliger Leistungssportler eigentlich tickt.


Ich möchte hier explizit nicht die verkaufenden Rennställe anklagen, denn (s.o.) der Verkauf eines Pferdes, welches nicht mehr im üblichen Trainingsbetrieb mitläuft braucht viel Energie und sinnvollerweise auch Kenntnisse aus Reitsportsparten, die im Rennsport schlicht oft nicht sehr ausgeprägt sind. Rennställe und somit auch Rennpferde haben ihre Routinen, da wird manches Mal schon nicht bedacht, dass das neue Freizeitpferd an egal welchem Ort mal kurz abgestellt und angebunden werden soll, was es im Rennstall in dieser Form nicht kennt.

Ich möchte auch keinem Besitzer einen Vorwurf machen, der irgendwann merkt, dass er dem Tier nicht gewachsen ist oder dessen Finanzlage sich plötzlich ändert oderoderoder... die Dinge liegen auf beiden Seiten oft ohne jeden bösen Willen nunmal wie sie liegen.

Umso lobender muss man erwähnen, dass es sowohl auf Verkäufer- als auch auf Käuferseite in den letzten Jahren ein wachsendes Interesse am Verständnis füreinander gibt. Immer häufiger sehe ich, dass Rennpferde zunächst aus dem Rennstall zu sachkundigen (oft früher im Rennsport aktiven) Personen wechseln um das Reitpferde-ABC zu lernen und auch Käufer machen sich immer öfter Gedanken, wo ihr neues Pferd herkommt und wie früher eigentlich sein Alltag aussah, besuchen Rennställe und machen sich schlau im Hinblick auf die Unterschiede zum "normalen" Reitsport.


Wieso aber liest man nun stets und ständig von den geretteten Rennpferden und höchst selten vom "geretteten 17jährigen Dressurkracher"? Letztere stehen durchaus häufig bei mehr oder weniger seriösen Pferdehändlern zum Verkauf, haben zig Stationen hinter sich, wurden sportlich genutzt, bis an ihre Leistungsgrenzen oder darüber hinaus beansprucht und dennoch redet niemand davon, dieses Pferd gerettet zu haben. Auch bei diesen Pferden weiss niemand, wie seriös und liebevoll sie ausgebildet wurden, wie viel Schmerz sie in ihrem Leben ertragen mussten, wie viele unpassende Sättel sie getragen haben und von wie vielen Menschen und Pferdekollegen sie immer wieder getrennt wurden. Aber diese Pferde werden vom Händler gekauft, sicher nicht gerettet.

Im krassen Gegensatz dazu steht ein Vollblüter, der von Beginn seiner sportlichen Laufbahn an im selben Rennstall stand, angeritten und umsorgt von denselben Menschen und sieben- oder achtjährig aus dem Sport genommen wird, weil man merkt, dass ihm sein Job nicht mehr so einen Spass macht wie noch in der Saison zuvor. Der muss gerettet werden oder eben retrospektiv lautet die Aussage im Internet in den einschlägigen Gruppen "das ist xyz, mein Seelenpferd, ich habe ihn von der Rennbahn gerettet".


Zugegeben: Beide oben beschriebenen Beispiele sind erfunden aber beide sind realistisch genug, um genau so zu passieren (und mir persönlich sind ganz ähnliche bekannt). Was macht nun aus dem siebenjährigen Rennpferd ein "bedauernswertes, zu rettendes Wesen" und aus dem 17jährigen Dressurkracher einen, der eben einfach nur nicht mehr für den grossen Sport aber sehr wohl noch als Lehrmeister taugt? De facto wurden doch beide ausgemustert...


Und wenn wir uns an den beiden Beispielen weiter aufhängen und diese weiter ausschmücken, dann hat der Besitzer des Dressurkrachers sein Pferd eben gegen eine dreijährige Hoffnung für die grosse Tour eingetauscht. Der Verkäufer des dreijährigen hat aber keine Verwendung für den 17jährigen, deswegen hat er den an einen befreundeten Händler abgegeben. Der wiederum hat zu viele alte Lehrmeister und ihn beim nächsten Händler gegen zwei jüngere rising Stars eingetauscht usw usf. Der Vollblüter wurde einfach nach einer Karriere im Rennstall in gute Hände vermittelt und darf siebenjährig nochmal eine neue Aufgabe erlernen, dies sogar bei Leuten, die sich viel Mühe geben, Geduld und Geld investieren, weil sie ein gutes Herz und genügend Knowhow haben. In der Aussendarstellung und -wahrnehmung musste aber das Rennpferd gerettet werden, der Dressurkracher stand einfach beim Händler...


Nochmals: Es liegt mir fern zu leugnen, dass AUCH Rennpferde hier und da den Weg "in die Wurst" finden oder eben aus anderen Gründen gerettet werden müssen. Mir ist aber sehr daran gelegen, ein bisschen Verhältnismässigkeit in die Geschichte zu bringen. Jeder Besitzer kann quasi zu jeder Zeit sein Pferd schlachten lassen (mindestens dann, wenn es im Pass nicht explizit als Nicht-Schlachtpferd gekennzeichnet ist und auch dann finden sich Wege). Und Menschen lassen Pferde schlachten. Ich kenne persönlich auch Fälle, in denen Besitzer ihre altgedienten Dressurkracher persönlich zum Schlachter gefahren haben, weil sie fanden, es sei Zeit... finde ich das gut? Nö. Finde ich es mehr oder weniger verwerflich als ein Rennpferd in die Fleischverwertung zu geben? Nö. Es macht für mich keinen Unterschied. Doch vielleicht ein klein wenig... man könnte in Erwägung ziehen, dass dem Rennpferd eine Karriere von Gruppe 1 oder 2 nach 3 (s.o.) erspart blieb, dem Dressurkracher aber ggf. noch einige Jahre friedlich mit bummeligen Ausritten oder auf der Weide mit seinem Besitzer vergönnt hätten sein können...


Übrigens: Ich habe selbst zwei ausgemusterte Rennpferde, von denen eines mutmasslich seinerzeit nach einer recht erfolgreichen Karriere den Weg auf die immergrünen Wiesen gefunden hätte, wenn nicht einer der am Stall beschäftigten Jockeys sein Schicksal in die Hand genommen hätte, weil ihm dieses Pferd besonders am Herzen lag (bereits damals hatte das Pferd nennenswerte degenerative skelettale Veränderungen). Wie die Jungfrau zum Kinde kam ich damals nach etlichen Jahren Pause vom Thema Pferd zu meinem ersten eigenen und dann gleich ein Ex-Galopper frisch aus dem Rennstall...

Habe ich dieses Pferd gerettet? Je nach Auslegung könnte man das wohl so sehen. Ich möchte aber eher - zugegeben, es klingt ein ganz klein wenig kitschig - sagen "dieses Pferd hat meine Seele gerettet".

Noch schnell zum Abschluss: Ob nun Ex-Rennpferd oder nicht, in meiner Tätigkeit als Osteopathin und Physiotherapeutin für Pferde mache ich da keinen Unterschied und für eine weitere Diskussion zum Thema (auch wenn Du mit dem Gedanken spielst, einem ehemaligen Rennpferd ein neues Zuhause zu geben und Fragen dazu hast) oder für eine Behandlung Deines Pferdes stehe ich natürlich jederzeit zur Verfügung.


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