Bildung - Ausbildung, Einbildung, Allgemeinbildung...

Das Pferd: Vorne beisst es und hinten tritt es... so viel wissen die meisten Menschen ganz ohne teure Ausbildungen... obwohl manche das im Laufe ihrer reiterlichen Karriere dann gerne mal vergessen aber das ist eine andere Geschichte :-)


In diesem Beitrag möchte ich nun auf die Bildung im Sektor Pferdegesundheit eingehen, da gibt es nämlich neben Allgemein- und Ein- auch noch ein breites Spektrum möglicher Ausbildungen unterschiedlichen Inhalts und unterschiedlicher Qualität.

Ich war vor Beginn meiner Ausbildungen im Themengebiet Pferdegesundheit - so glaube ich - ein schlecht bis mittelmässig allgemeingebildeter Pferdebesitzer. Ich wusste, was Kissing Spines sind, ich wusste, Sehnenschäden sind blöd, und Kolik kann ganz schnell ganz blöd sein. Ich habe meinen Pferden eine regelmässige Zahnbehandlung zukommen lassen, sie waren jeweils geimpft und entwurmt, ich habe Reitstunden genommen uswusf. Aus meiner eigenen heutigen Perspektive habe ich meine Pferde viel fühlen lassen, weil ich es nicht besser wusste aber ich habe wenigstens immer aus und mit Liebe gehandelt. Ich denke, so geht es den allermeisten Besitzern. Man kann nicht alles wissen und es ist niemandem geholfen, wenn man sich Jahre später noch für aus Unwissen gemachte Fehler Vorwürfe macht.


Was ich immer schon hatte, war das Bedürfnis, Zusammenhänge zu verstehen und daraus zu lernen. Mir war es im Leben selten genug, wenn jemand mein Problem gelöst hat und ich weiter machen konnte, wie zuvor. Besonders als Pferdebesitzer merkt man auch relativ schnell, dass ein "weiter wie zuvor" häufig dazu führt, dass dasselbe Problem einen wieder und wieder einholt. Und aus meiner persönlichen Sicht fand ich es nicht erstrebenswert, immer wieder an derselben Stelle mit demselben Thema konfrontiert zu sein. So entschloss ich mich irgendwann zu einer Ausbildung, die mir zunächst vor allem im Bereich Anatomie fundiertes Wissen vermitteln sollte um zu verstehen, wie der Pferdekörper funktioniert. Nach einigermassen gründlichen Recherchen entschied ich mich aufgrund der bestehenden Reputation und des mir bekannten Namens seinerzeit für das DIPO um meine Ausbildung zur Pferdephysiotherapeutin zu absolvieren (anfangs hatte ich nicht mal geplant, die Ausbildung wirklich komplett zu machen aber dazu evtl. bei anderer Gelegenheit mehr).


Mit dieser Ausbildung und wachsendem Verständnis für das System Körper-Geist-Seele wuchs auch mein Wissensdurst, ich begann zu verstehen, dass das Zitat von Isaac Newton "Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ein Ozean." mehr als nur eine Phrase ist... das ist übrigens ein Grund, wieso ich im Anschluss an die Physiotherapie noch die Akupunktur und die Energetische Osteopathie nach Salomon als grössere Ausbildungen absolviert habe und mich auch weiterhin andauernd weiterbilde. Details zu mir und meinen Ausbildungen findest Du hier.


Seit einigen Jahren nun wächst der Markt der Ausbildungsinstitute im Bereich der Pferdegesundheit stetig um nicht zu sagen sie schiessen wie Pilze aus dem Boden. An sich ist das ja noch nichts schlimmes und ich bin überzeugt davon, dass der Markt meistens auch das Angebot reguliert... ABER: In der Zeit, die der Markt braucht, um das Angebot zu regulieren, stehst Du als Otto-Normal-Pferdebesitzer" vor der Herausforderung, einen geeigneten und qualifizierten Therapeuten für Dein Pferd zu finden und da sehe ich inzwischen ein echtes Dilemma. Wenn ich nämlich den Markt der Ausbildungsangebote scanne, dann finde ich ernsthaft Angebote wie "Pferdephysiotherapeut online" oder "Akupunktur online", stellenweise ohne jeden Praxisanteil.


Ich sage es an dieser Stelle deutlich: DAS GEHT NICHT! Man kann natürlich das theoretische Wissen online oder sogar nur per Skript vermitteln, aber den praktischen Teil, das Fühlen von Normal- oder Sollzustand versus Anomalien, das Auffinden von Akupunkturpunkten, das Erspüren der Faszienzüge im Körper oder des craniosakralen Pulses, das Erlernen der Handgriffe, das Entwickeln des Gespürs dafür, wann es wo wieviel oder besser wie wenig Kraft oder Druck braucht... sorry, nein, nein und nochmals nein... das muss mit erfahrenen Dozenten am lebendigen Pferd geübt, ertastet, an einem anderen Pferd wiederholt und an noch einem Pferd und möglichst an zig verschiedenen Pferden und Ponies repetiert werden. Sonst weiss ich zwar vielleicht ganz viel aber ich kriege es nie und nimmer verlässlich in die Praxis transportiert. Dann haben wir einen Fachidioten, der bestenfalls beim direkten Kontakt mit dem Lebewesen zumindest nichts kaputt macht. Im weniger besten Fall hält sich jemand, der mit einem Teilnahmezertifikat von der "Akademie des guten Willens für die Pferdegesundheit" (Name frei erfunden) ausgestattet ist für einen ausgefuchsten Pferdetherapeuten und macht unter Umständen eher etwas schlimmer als besser...


Aktuell beobachte ich den Markt mit Besorgnis: Das Angebot von Therapeuten oder Trainern der unterschiedlichsten Sparten wächst und wächst und keiner weiss mehr, wonach er eigentlich schauen soll.

Mal ganz frei heraus: Ich bin mit der Pferdetherapie nicht hauptberuflich unterwegs. Ich bin im Marketing beschäftigt und kann daher eine einigermassen hübsche Webseite vorweisen und ich weiss, wie man schöne Texte schreibt. Sind das Kriterien für meine Qualität als Pferdetherapeutin? Mitnichten. Ob ich eine gute Therapeutin für Dein Pferd bin oder nicht, kannst Du - wenn überhaupt - eher zwischen den Zeilen spüren als anhand der schicken Webseite und der schönen Geschichten im Blog sehen. Ich bemühe mich um Transparenz und habe meine Ausbildungen allesamt inklusive Anbieter aufgezählt - allein das ist aber auch lediglich ein Indiz und noch dazu eines, was viele Kollegen nicht offen anbieten (und zwar dummerweise die guten genauso wie die, denen ich mein Pferd nicht unbedingt in die Hände gäbe). Ob jemand ein guter Therapeut für Dein Pferd ist, ist wiederum auch nicht allein an der Ausbildung zu beurteilen und die meisten Berufsbezeichnungen im therapeutischen Bereich rund ums Pferd sind nicht geschützt. Lange Rede, kurzer Sinn: Es ist überhaupt nicht einfach, zu beurteilen, ob jemand einen guten oder weniger guten Job am Pferd macht, bevor man sich nicht persönlich ein Bild von seiner Arbeit machen konnte.

Ein paar sinnvolle Fragen an denjenigen, dem Du Dein Pferd anvertrauen möchtest gibt es aber sicher und die solltest du auch ganz offen stellen. Scheu Dich nicht, nachzufragen, wo jemand seine Ausbildung absolviert hat oder welche Ausbildung das war und auch, wie die Praxisanteile der Ausbildung waren. Frag auch während einer Behandlung nach, wenn Dir nicht klar ist, was jemand da gerade an Deinem Pferd tut oder warum. Hör auf Dein Bauchgefühl und achte auf Dein Pferd. Natürlich gibt es vielleicht im Verlauf einer Behandlung mal einen Moment, wo Therapeut und Pferd nicht auf Anhieb einer Meinung sind aber mehrheitlich sollte ein Pferd sich im Rahmen einer therapeutischen Behandlung wohl fühlen. Ein seriöser Anbieter wird sich auch immer bemühen, Fragen zum wieso weshalb warum zu beantworten (auch wenn ich aus eigener Erfahrung sagen kann, dass ich es manchmal nicht 100 % rational erklären kann, aber auch das kann ich einem Besitzer nur sagen, wenn er nachfragt). Es ist total in Ordnung, nicht alles zu wissen und nicht alles selbst zu können aber es ist auch genau so in Ordnung, genauer nachzufragen und sich Dinge erklären zu lassen.


Ich wünsche Dir und Deinem Pferd jedenfalls von Herzen, dass Du immer ein gutes Händchen für den richtigen Dienstleister an deinem Pferd hast. Ich wünsche Euch, dass die Menschen, die Du an dein Pferd lässt die Grösse haben, zuzugeben, wenn sie aus diesem oder jenem Grund nicht die richtigen sind, nicht weiter wissen oder jemand anderen hinzuziehen würden. Es gibt ganz viele und ganz tolle Pferdemenschen mit diesem oder jenem (vielleicht auch auf den ersten Blick nicht ganz nachvollziehbaren) Bildungshintergrund und ich gehe davon aus, dass sich langfristig auch nur die guten etablieren... aber nachfragen wird wohl auch weiterhin sinnvoll bleiben.


Wenn Du Fragen an mich hast, kannst Du entweder diesen Beitrag kommentieren oder mir eine Email senden. Ich freue mich auf den Dialog!









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