Alle haben gesagt "Das geht nicht... !"

Aktualisiert: Okt 13

Dann kam einer - in diesem Fall der dreijährige Tinker Samwise -, der wusste das nicht und hat es einfach gemacht...


Die Krankengeschichte von Samwise ist so unglaublich, dass ich mich im Verlauf immer wieder kneifen musste, um sicherzugehen, dass ich nicht träume. Und ganz wichtig: Der folgende Beitrag ist wahr, ich bin aber auch relativ sicher, dass hier ganz viele unglaublich günstige Faktoren zusammen kamen. Ob Verlauf und Ergebnisse reproduzierbar sind, ist völlig ungewiss.


Samwise ist ein dreijähriger Tinkerwallach, zu seinem Glück klein und kompakt und auch "nur" rund 300 kg schwer. Am 21. März 2021 verunglückte Samwise auf dem Transport von der Fohlenweide zu seiner Besitzerin im Transporter so schwer, dass er sich einen Bruch in der Wirbelsäule zuzog. Sämi wurde von der Unfallstelle mit der Grosstierrettung ins Tierspital Zürich transportiert und dort wurde am Folgetag erst klar, wie gravierend die Befunde eigentlich waren. Klinisch hatte er zwar deutliche neurologische Ausfälle gezeigt, aber eine Fraktur hatte wohl niemand ernsthaft erwartet, schliesslich war er nach dem Unfall selbst aufgestanden und - mit Hilfestellung - auf den Krankentransport gelaufen. Die Fraktur hatte dazu geführt, dass vom 12. zum 13. Brustwirbel eine Stufe von etwa einem halben Zentimeter nach unten zu sehen war und zusätzlich war eine leichte laterale Rotation zu sehen. Ein invasiver Eingriff war von vorn herein ausgeschlossen.

Unten die Auffindesituation nach dem Unfall (links), Sämi nach Ankunft in der Klinik (Mitte) und unser Knetmodell des Röntgenbildes (rechts).

Als ich Samwise am 25. März zum ersten Mal im Tierspital besuchte, war meine "Idee" nicht wesentlich mehr als "ihm etwas gutes tun und vielleicht ihm und seiner Besitzerin den Abschied irgendwie leichter machen" denn ein Pferd mit gebrochener Brustwirbelsäule kann - so dachte ich - nicht dauerhaft pferdegerecht überleben. Ich war auch nicht gefasst auf Sämis eisernen Willen und war recht überrascht, dass er eigentlich ziemlich munter aus der Wäsche schaute, als ich in der Klinik ankam.


Vom 25. März bis zum 3. Mai habe ich Sämi jeweils zweimal in der Woche gesehen, ab dem 5. April hat mich meine liebe Kollegin Gwen Schüpbach bei der Behandlung unterstützt. Die Zusammenarbeit mit Gwen hat nicht nur wahnsinnig viel Spass gemacht sondern was Sämi in der Zeit bis zum 3. Mai geschafft hat, hätte niemand von uns für möglich gehalten.


Während der ersten drei Termine habe ich Sämi fast kontaktfrei behandelt. Nach Absprache mit den zuständigen Tierärzten habe ich insbesondere die Gegend um die Fraktur nicht berührt, an strukturelles Arbeiten war ohnehin nicht zu denken und energetisch kann man gut auch berührungsarm arbeiten. So hat Sämi bei den ersten zwei Terminen auch ohne jede Berührung auf rein energetische Methoden mit ausgiebigem Gähnen reagiert.


Insgesamt beinhaltete die Therapie bei Sämi über den gesamten Verlauf verschiedene Methoden aus der Osteopathie und Physiotherapie. Hier war sicher unser relativ breites Spektrum an Möglichkeiten sehr hilfreich, so konnten wir je nach aktuellem Befinden unseres Patienten die Therapie sehr individuell anpassen. Wir arbeiteten unter anderem mit Farblicht, an den Meridianen, Craniosacral, direkt auf den Nerven, faszial, mit Kinesiotapes usw usf. Ausserdem wurde er von seiner Besitzerin homöopathisch, mit Vitamin-B-Komplexen, MSM und diversen Kräutern unterstützt. Durch das Tierspital wurde er über die ersten zehn Tage mit Schmerzmitteln abgedeckt, anschliessend wurde dann sein Temperament mit einer leichten Sedation gezügelt.


Am 7. April wäre es fast zum Showdown gekommen als man nach gut zweieinhalb Wochen im Tierspital beschloss, Sämi aus dem Netz zu nehmen. Als er dann nach der ganzen Zeit im Netz endlich mal wieder liegen konnte, stellte sich zwangsläufig auch das Problem, dass er noch nicht ohne Hilfe aufstehen konnte. Die Verzweiflung war auf allen Seiten gross und seine Besitzerin war kurz davor, aufzugeben. Auch die Tierärzte wussten nicht wirklich weiter und mir war überhaupt nicht wohl, als ich zu einem Gespräch mit der Besitzerin und dem behandelnden Tierarzt ins Tierspital fuhr. Sollte es das nun gewesen sein? In einem ausführlichen Gespräch konnten wir dann einige offensichtliche Missverständnisse aus der Welt schaffen. So konnten wir klarstellen, dass es der Besitzerin nicht darum geht, ihr Pferd krampfhaft am Leben zu erhalten, dass aber auch niemand genau weiss, wie sich der Fall entwickeln wird, da keine vergleichbaren Fälle dokumentiert sind (wir haben jedenfalls trotz intensiver Recherchen nichts gefunden). Auch schien es mir wichtig, zu klären, dass wir als schulmedizinisch nicht anerkannte Therapeuten uns an diesem Fall nicht bereichern wollten. Mir sind genügend Geschichten bekannt, in denen Menschen ihr Ego über das Tierwohl gestellt haben; sei es, weil sie als Besitzer nicht loslassen wollten oder konnten oder weil sie sich Therapeuten nennen und nur am lebenden Patienten Geld zu verdienen ist. Es ging von vorn herein einzig und allein darum, dem Pferd die Chance auf ein pferdegerechtes Leben zu ermöglichen, solange er selbst nicht aufgibt.

Wer es selbst schon erlebt hat, wird mir zustimmen, dass auch Pferde lebensmüde werden können und meine Absprache mit der Besitzerin war von vorn herein, dass Gwen und ich Sämi und sie nur so lange begleiten, wie Sämi ganz offensichtlich Lebenswillen beweist und seine Entwicklung eine grundsätzliche Tendenz nach positiv zeigt.

Im Resultat beschlossen wir, dass Samwise am Tag aus dem Netz genommen wird, damit er sich hinlegen kann aber auch eine Hilfestellung beim Aufstehen sichergestellt ist. Nachts wurde er weiterhin im Netz aufgehängt, da keine so engmaschige Kontrolle gewährleistet werden konnte und wir vermeiden wollten, dass er sich bei seinen Aufstehversuchen verausgabt und so Frustration entsteht. Die Idee war, dass Sämi sich so tagsüber selbst trainieren kann, aber Hilfe relativ schnell zur Stelle ist.

Das Training haben wir alle für ihn als im wahrsten Sinne des Wortes lebensnotwendig angesehen, denn für eine Entlassung aus dem Spital und sein Weiterleben war unterm Strich nicht allein der Wille entscheidend sondern immer auch die Erfüllung der folgenden Bedingungen:

  • er sollte schmerzfrei sein

  • mindestens Schritt sicher und ohne Unterstützung laufen können

  • sich selbständig hinlegen sowie aufstehen können.

Ziel war und ist, dass er ein selbständiges Leben als Weidepferd führen kann.


Im Video ist Sämis Fortschritt beim Laufen vom 24. März bis zum 18. Mai zu sehen.


Etwa eine Woche nachdem Sämi tagsüber aus dem Netz genommen wurde, begann das Gerücht zu kursieren, dass er selbständig aufsteht. So richtig konnte sich das aber auch das Personal vor Ort nicht vorstellen und schliesslich hatte es noch niemand wirklich gesehen. Dann die Nachricht, dass er beobachtet wurde, wie er unter Zuhilfenahme einer Wand zum Abstützen tatsächlich aufgestanden war. Wir waren völlig aus dem Häuschen!

Am darauf folgenden Wochenende installierte die Besitzerin eine Kamera in der Box, damit wir uns selbst ein Bild machen konnten. Und im nächsten Video ist - so finde ich - extrem gut zu sehen, dass Sämi zwar nach wie vor beeinträchtigt ist, sich aber wahnsinnig clever einen Weg sucht. Er trainiert sich sehr ambitioniert selbst, denkt nach und nutzt seinen Körper sehr geschickt, um aufzustehen. UND: Eine Wand nutzt er in diesem Video auch nicht mehr.


Am 26. April wurde ein Kontrollröntgen durchgeführt, unten sind die Bilder vom 22. März (links) und 26. April (rechts) im Vergleich zu sehen. Auch das fällt für mich in die Kategorie "Kann mich mal bitte jemand kneifen, sonst glaube ich es selbst nicht..."

Ich erinnere mich gut, wie Sämis Besitzerin zu mir sagte "Wenn es doch jeden Tag nur 1 % besser wird..." und ich sie unterbrach und sagte "... das würde bedeuten, dass er in 100 Tagen vollständig genesen ist und das müssen wir uns einfach abschminken. Er hat die Wirbelsäule gebrochen und da ist eine deutliche Verschiebung. Die Nervenbahnen im Rückenmark sind nicht durchgängig, als ob jemand mit einem Stiletto auf dem Gartenschlauch steht." Tatsache ist aber, dass Sämi nach nur 47 Tagen aus dem Tierspital entlassen werden und zur Reha (und aller Wahrscheinlichkeit nach auch darüber hinaus) an seinen alten Stall zu seinen alten Kollegen von der Fohlenweide zurückkehren konnte. Dort steht er zwar noch nicht sofort in der Herde, sondern zunächst in einer Auslaufbox aber langfristig scheint das Ziel, dass Sämi ein selbstbestimmtes Pferdeleben bei und mit seinen Pferdefreunden führen kann inzwischen absolut erreichbar.


Am 13. Mai haben Gwen und ich Sämi in seinem Zuhause besucht um zu sehen, wie er den Transport weg gesteckt hat und ob es nochmal etwas "nachzujustieren" gibt. Und wir waren uns ziemlich schnell einig, dass Sämi nicht nur den Transport super verkraftet hat, sondern uns eigentlich auch nicht mehr dauernd braucht. Vielmehr ist nun aktives Rehabilitationstraining gefragt und vor allem auch Kopfarbeit. Sämi präsentierte sich uns jedenfalls fröhlich und mehr als selbstbewusst... irgendwie ja auch verständlich, schliesslich haben alle gesagt "Das geht nicht" und dann kam Sämi, der wusste das nicht und hat es einfach gemacht...


Update 1 - Anfang August 2021 durfte Samwise zunächst wieder in einer kleineren Gruppe auf die Koppel




Update - Mitte September 2021 erreichte mich dann die folgende Nachricht und das Video:

Hallo…

Hoffe es geht dir gut! 🍀

Anbei der aktuelle Stand von Sämi… ❤️Wir haben vorletzte Woche nach- geröntgt und es ist quasi keine Verschiebung mehr zu erkennen! Die Dornfortsätze sind Pfeifengrad! Und heute durfte er das erste mal mit der Herde wieder raus. Er ist eigentlich wieder der Alte und hat soooooo viel Freude… Er geht problemlos auf dem Laufband und wir haben angefangen mit longieren und Bodenarbeit… Danke, danke, danke🍀😍🍀LG Michi

Samwise wird für Gwen und mich wohl immer der Fall bleiben, bei dem wir uns gegenseitig kneifen müssen, um zu glauben, was alles möglich ist… er wird auch für mich immer der Fall bleiben, der mich daran erinnert, dass man so ziemlich alles schaffen kann oder mindestens, dass man alles probieren kann/darf/soll/muss, so lange der Patient selbst nicht aufgibt.


Danke Samwise für deinen eisernen Willen, für dein Vertrauen und für deine Unbeschwertheit!

Danke an Michaela Feser für das Vertrauen in unsere Arbeit!

Danke von Herzen an Gwen Schüpbach für die grossartige und bereichernde Zusammenarbeit, you rock!

Danke an das Universitäre Tierspital Zürich für die angenehme Kooperation!

Danke an Sybil Lüthi und viel Erfolg bei der weiteren Rehabilitation!

Mehr über meine Kollegin Gwen Schüpbach findest du hier: www.tierosteo-schuepbach.ch

Das Tierspital Zürich ist über diese Seite erreichbar: www.tierspital.uzh.ch/de/Pferde.html

Die Fohlenweide Bodensee, geleitet von Tierärztin Sybil Lüthi stellt sich hier vor: https://fohlenweide-bodensee.ch/

Und mich erreichst du ganz einfach über das Kontaktformular :-)


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